Mittwoch, 4. November 2015

Becci goes Australia #4

Hier sitze ich mal wieder ohne zu wissen was ich wirklich schreiben soll. Die Tage verschwimmen gedanklich. Ich habe das Gefühl, dass die Zeit schneller vergeht als je zuvor vergeht. Und während ich der verflossenen Zeit noch nachschaue, vergeht der Moment in dem ich lebe wahnsinnig schnell.


Mittwoch, 28. Oktober 2015- Willkommen in der Heimat!


Ein neues Familienmitglied ist geboren, ein kleiner Junge. Es mag hart klingen, aber ich habe mir selber geschworen, dass dieses Kind niemals dem Leistungsdruck ausgesetzt sein wird, wie ich es damals in dieser Familie war. Das es Kind sein darf solange es will ohne darum kämpfen zu müssen. Dafür werde ich sorgen.
In diesem Moment merke ich, wie weit weg Deutschland doch gerade für mich ist und wie ich es genieße hier zu sein. Eine Auszeit vom Leben dort und ich fange an mich zu fragen, wieso ich ernsthaft geglaubt habe, dass wir Deutschen mit am Besten leben. Ich meine wirkliches leben, Spaß haben, lachen. Hier ist alles so viel leichter, befreiter- das Leben fühlt sich leichter an.
Ich klappe den Laptop zu, ich habe den ganzen Tag gearbeitet. Mein Frapuccino ist schon lange leer, ich schaue raus, es ist dunkel. Ich packe meine Sachen und schon stehe ich draußen am Darling Harbour. Ich gehe für ein paar Schritte und stoppe abrupt. Mir stockt der Atem. Und ich weiß, ich bin hier richtig. In diesem Land, in dieser Stadt. Wenn es eine Stadt schafft dir den Atem zu rauben, es ist deine Stadt. Du weißt es einfach, du kannst es fühlen, du bist glücklich. Ich schaue auf das Wasser, die Lichter um mich herum und fühle mich seltsam ergriffen. Ich versuche alles so genau zu betrachten, keinen Blickwinkel außer acht zu lassen, denn ich will nie wieder vergessen, was ich hier sehe und fühle. Heimat- nicht immer das Land, in dem man geboren wurde. Sicherlich, ich liebe Deutschland, aber Australien hat mich gefesselt.. für immer.

Donnerstag, 29. Oktober 2015 bis Samstag, 31. Oktober 2015- Sicherheit


Ich habe einen Tagesablauf entwickelt, den ich zugegeben auch sehr genieße. Aufstehen, wach werden, am Wasser ein paar Stunden arbeiten, etwas essen, die Stadt von verschiedenen Facetten erleben und abends einschlafen mit dem Wissen nicht alleine zu sein. 
Was Schmerz bedeutet bekam ich am Samstag Abend mal wieder vor Augen geführt. Denn eine Person, die ich bis dato jede Nacht bei mir hatte, wollte vorübergehend in ein Hostel ziehen. Die Nachricht vom Auszug trifft mich wie ein Schlag und zu meiner eigenen Ungläubigkeit fange ich doch tatsächlich an zu weinen. Ich selber bin perplex. Ich war immer eine Person, die nach spätestens zwei Tagen jemand raus wirft. Ich war bis dahin immer gerne allein. Ich weiß noch nicht mal wieso ich weine, aber ich habe das dumpfe Gefühl, dass jemand geht, den ich brauche. Den ich hier vielleicht mehr brauche, als ich mir bis jetzt eingestanden habe. Mir wird bewusst, wovor ich Angst habe. Ich habe Angst davor einen Teil meiner Sicherheit zu verlieren. Ich kenne dieses Gefühl nicht, habe noch nie darüber nachgedacht. Wir alle setzen auf Menschen und vertrauen darauf, dass sie unser Sicherheitsnetz sind, wenn wir fallen. Es sind die Menschen, die wir fürs Leben schätzen und es sind die Menschen, die ganz besondere Erfahrungen im Leben mit uns teilen- die Schönsten und die Schlimmsten.
Als ich die Person anschaue sehe ich neben Verwunderung einen eigenartigen Schmerz: Schmerz mich leiden zu sehen. Noch eine Emotion, die ich niemals bei einem Anderen gesehen habe noch erwartet habe zu sehen. Als ich mich irgendwann wieder beruhigt habe beschließen wir, die Nächte abzuwarten und dann zu entscheiden. Damit gebe ich mich zufrieden.
Ich ziehe mich an, schminke mich und betrachte mich so im Spiegel. Da ist dieses Mädchen wieder, das Mädchen von Deutschland. Doch etwas hat sich geändert, sie hat es. Sie weiß noch nicht genau was es genau ist, aber sie hat es. 
Ich laufe aus dem Haus, nehme die Fähre und werde von einer winkenden Inga empfangen. Es tut gut die Mädels wieder zu sehen, wir gehen in eine Bar und erzählen uns unsere bisherigen Abenteuer. Der Abend ist nicht lang, wir sind alle etwas müde, aber es war schön alte Gesichter wieder zu sehen und Neue kennen zu lernen. Ich komme zurück in mein Apartment mit zwei Pizzen und ner großen Cola unter dem Arm.  Wenn etwas Simples wie ein Abend auf dem Bett sitzend mit Pizza und einem Freund so schön sein kann, dann ist man richtig an Ort und Stelle. 
Wir erzählen uns noch lange von unserem Leben, unseren Familien und irgendwann muss ich weinen. Völlig unerwartet kommen mir die Tränen, denn wenn alte Wunden aufgerissen werden, von denen man noch nicht einmal wusste, wie stark sie doch existieren, ist das ein schreckliches Gefühl. Sie gelten einem geliebten Menschen, der mich mit seinen Worten unabsichtlich doch so sehr getroffen hat. Es ist 2 Uhr nachts und ähnlich wie eine Woche zuvor handle ich aus dem Gefühl raus. Ich rufe genau diese eine Person an und bringe Gedanken von 10 Jahren endlich auf den Punkt. Ich lege auf, mein Herz pocht, mein Körper zittert. Mir wird bewusst, was sich geändert hat. Kilometer von Daheim entfernt habe ich endlich Mut. Mut all meine Gedanken auszusprechen, Mut endgültig meine Meinung zu sagen, auch gegenüber den Menschen, die mir am Wichtigsten sind.


Sonntag, 01. November 2015- Nächtlicher Polizeibesuch


Der Tag verläuft nicht sonderlich anders als die anderen auch. Ich merke aber doch ziemlich schnell, dass ich erkältet bin. Der Tag erschöpft mich wie ich feststellen muss und so wandle ich schlaftrunken um 20 Uhr ins Bett und bin froh als ich anfange einzuschlafen. 
Um 22 Uhr schrecke ich auf, irgendetwas klingelt, ich brauche einen Moment um mich zurecht zu finden als ich realisiere was da klingelt, es klingelt das Telefon des Apartments, welches mit der Klingel verbunden ist. Ich gehe ran, eine Männerstimme fragt nach einem Craig, ich verneine seine Anwesenheit und lege auf. Jetzt bin ich wach und setze mich auf. Ein paar Minuten später klopft es laut an der Tür, ich halte den Atem an, tausende Gedanken gehen mir durch den Kopf, mein Körper erstarrt. Ich mache nicht auf, es klopft nochmals energisch. Ich gehe langsam an die Tür und schaue raus. Zwei Polizisten stehen vor meiner Tür, spätestens jetzt gehen bei mir alle Alarmklocken an und ich überlege hektisch, was ich in den letzten Tagen angestellt haben könnte. Ziemlich schnell wird mir bewusst, dass es wohl die zwei Polizisten gewesen sein mussten, die mich da wach geklingelt haben mussten. Es ist mir unendlich peinlich. Nochmals fragen sie mich nach Craig, ich verneine wieder und versuche zu erklären wer ich bin.  Nur mit Mühe und Not finde ich meine Sprache wieder. Schließlich gehen sie und ich bin vollkommen fertig mit den Nerven.  Ich ziehe mich an, nehme die Bahn in die Stadt und trinke erstmal einen Café. Ich sehe meine Freunde schon von Weitem und wenigstens für den restlichen Abend passiert nichts mehr Unterwartendes. Und auch die Nacht überstehe ich zu meiner Erleichterung ohne weitere Zwischenfälle


Montag, 02. November 2015 bis Dienstag, 03. November 2015- Das ewige Vermissen


Die nächsten Tage passiert nicht mehr viel. Es regnet vermehrt und ich möchte mich am liebsten nur in mein Bett einkuscheln. Ich mache, was gemacht werden muss. Wäsche waschen, aufräumen, einkaufen, Emails beantworten. 
Es ist Dienstag und endlich skype ich mal wieder mit meiner besten Freundin. Sie sieht mich ganz verschlafen durch den Monitor an, während ich sie angrinse. Immerhin habe ich den Tag schon fast hinter mir, den sie nun erst erleben wird. Wir quatschen über alles mögliche, wir erzählen uns mal wieder viel und wie im Flug ist fast eine Stunde vergangen. In diesen Momenten merke ich wie sehr ich sie und alle Anderen vermisse. Es tut natürlich gut sie zu sehen und trotzdem merke ich bei uns beiden die Traurigkeit. Wie schlimm es ist getrennt voneinander zu sein merkt man erst, wenn man es dann mal wirklich für eine längere Zeit ist. Ich würde sie am liebsten fest in den Arm nehmen, denn in Deutschland läuft unser aller Leben wahrlich nicht so wie es sollte. Das Schlimmste daran ist, dass ich mich hilflos fühle. Es macht mich wütend und traurig zugleich sie nicht mal in den Arm zu nehmen. 
Wir verabschieden uns und schon ist die Verbindung gekappt. Ich überlege eine Weile. Das Einzigste was mich halbwegs beruhigt, dass ich weiß, dass wir Mädels alle ein Auge aufeinander haben. Und während ich so an alte Zeiten denke wird mir wieder mal bewusst wie sehr wir alle uns brauchen, als Freundinnen ...als Sicherheitsnetz.


Mit diesen Worten verabschiede ich mich für heute von euch. Ich glaube für dieses Update ist genug gesagt worden. Passt ihr alle, die ihr das lest auf euch auf. 

Becci, xxx



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