Donnerstag, 29. Oktober 2015

Becci goes Australia #3

Die zweite Woche ist vorbei und das erste was ich bemerke, dass sich mein Zeitgefühl zu dem vom Anfang vollkommen verändert hat. Ich wurde vor neue Herausforderungen gestellt, habe alte erfolgreich gemeistert, habe mal eben einen Strich unter 5 Jahre gesetzt und habe angefangen zu realisieren. 


Dienstag, 20. Oktober 2015 bis Mittwoch, 21. Oktober 2015 - Alltag

Die Tage sind davon geprägt, einen Alltag zu finden.Was sich simpel anhört stellt sich als echte Herausforderung dar. In Deutschland hatte man die Schule, die Uni oder die Arbeit. Wir alle, die wir hier angekommen sind, haben zwar vermutet, dass es schwerer ist einen Job zu finden , aber niemand von uns hätte mit solch Schwierigkeiten gerechnet. Die meisten attraktiven Jobs fordern Unmengen an Erfahrungen , Zertifikaten oder Sonstigem an. 
Wenn man hier in einem Café arbeiten möchte, sollten doch bitte schon Erfahrungen von mindestens 2 Jahren, in manchen Fällen sogar mehr, vorhanden sein. Der Bewerber sollte aber natürlich einen Schulabschluss vorzeigen und am besten nicht älter als 20 Jahre alt sein . Ich frage mich wie manche Arbeitgeber sich das vorstellen ? Aber das ist nicht das einzigste Hindernis: ich sprach von Zertifikaten. Ja, hier braucht man für alles Mögliche ein Zertifikat. In einem Café brauchst du ein Barista Zertifikat, in einer Bar das so genannte RSA Zertifikat. Um ein solches Zertifikat zu erhalten musst du einen Kurs über 7 Stunden machen, dieser kostet umgerechnet 80 Euro. 80 Euro dafür um in einem Café arbeiten zu dürfen, 80 Euro dafür um überhaupt nur eine Chance auf so einen Job zu erhalten. In Deutschland ist es schwer einen Job zu erhalten? Das halte ich nach diesen Erfahrungen hier nur noch für einen schlechten Witz. Oder müssen wir in Deutschland 80 Bewerbungen absenden um eine einzigste Rückmeldung zu erhalten? Wer jetzt der Überzeugung ist, dass ich übertreibe, dem kann ich leider nur sagen: Ich übertreibe kein bisschen.
Schon nach wenigen Tagen hier merkt man wie teuer ein Leben hier ist und wieso ein Job ein Muss ist. Wir meckern in Deutschland über alles- über Lebensmittelkosten und Wohnungsmieten . Ich für meinen Teil werde mich hüten jemals noch eine Beschwerde über deutsche Preise zu äußern. Wir meckern über 400 Euro Wohnungsmiete im Monat, hier bezahlst du den gleichen Preis für eine WOCHE für einziges Zimmer. 

Donnerstag, 22. Oktober 2015- Alles neu, alles eine Katastrophe?

Es regnet, es ist kalt, ich wache auf und mache mich fertig. Ich habe gestern noch stundenlang Koffer gepackt, weil ich heute in mein Apartment ziehe, was für die nächsten Wochen meine Unterkunft sein wird. Ich mache mich auf den Weg in die Stadt, trinke meinen Kaffee und plane den Tag. Planen gehört hier zu meinen Lieblingsaufgaben, denn es gibt mir Sicherheit. Sicherheit in einer Stadt, in der ich noch nicht weiß, wie sie mir gefällt. Langsam mache ich mich auf zur Agentur, wo ich meinen Schlüssel erhalten soll. Ich muss warten, Dokumente unterschreiben und dann halte ich den Schlüssel endlich in der Hand. Meine erste eigene Wohnung und es fühlt sich gut an. Um 15 Uhr kann ich endlich einziehen, ich mache mich auf den Weg. 15 Minuten später stehe ich vor der Tür, ich passiere den Sicherheitseingang, schließe die Tür zu meinem Apartment auf und mache das Licht an. Ich bin erstmal beruhigt, das Apartment wiederzuerkennen, was ich gebucht hatte. Ich wage mich Schritt für Schritt rein und langsam beschleicht mich das ein mulmiges Gefühl mit dem Gedanken in was ich hier wohl rein geraten bin. Die Bettlaken sind fleckig und gebraucht, der Boden nicht gesaugt, das Sofa hat ein paar Risse und die Schränke sind dreckig. Ich setze mich aufs Bett, grüble vor mich hin was ich nun machen soll, als es klopft. Vor der Tür steht mein persönlicher Engel des Tages, ein Mann von einer Reinigungsfirma. Er legt sofort los und als ich schließlich eine komplett neue Decke bekomme, der Boden gesaugt und die Schränke geputzt worden sind fange ich mich an besser zu fühlen. Als er weg ist fange ich an meine Sachen einzuräumen, schreibe mir meine Einkaufsliste und nach einer Weile kann ich es mir hier zu mindestens für den Aufenthalt hier vorstellen. 
Ein Freund kommt vorbei, er hilft mir bei meinen Einkäufen und wir kochen. Irgendwie geraten wir dann in einen Streit bis er schließlich die Tür hinter sich zu zieht und da sitze ich, alleine. Die Nacht ist ein reinster Albtraum, Sirenen und eine Männerstimme, ich wage mich nicht mich zu bewegen. Jeden Moment rechne ich damit weitere Schreie zu hören. Irgendwann muss ich eingeschlafen sein. 

Freitag, 23. Oktober 2015 - Lächeln

Am nächsten Tag bin ich halb verschlafen , mir kommt der Streit und diese kalte, laute Männerstimme in den Sinn und fühle mich seit Tagen wieder einsam. Ich schreibe meinem Freund, mit dem ich mich so gestritten hatte. Keine Antwort. Nach 7 Nachrichten gebe ich es auf. Ich dusche , ziehe mich an und fahre in die Agentur. Ich kann mich nicht konzentrieren, der Streit liegt mir zu sehr auf der Seele. Irgendwie habe ich es geschafft, den Beleidigten schließlich zu einem Café überredet zu bekommen. Eine Stunde später sehen wir uns, und als ich anfange zu grinsen, muss er schließlich auch lächeln. Was ist das nur für ein Phänomen, dass Menschen, einmal aus ihrem natürlichen Umfeld raus gerissen, einander plötzlich viel mehr brauchen. Nicht als Verliebte oder sowas, sondern einfach als Menschen. Als Sicherheit, als Hilfe. Aus einem Café wird ein Spaziergang, wird ein Abendessen, wird noch ein Café. Zeit- noch etwas das hier anders zu funktionieren scheint. Tage können unglaublich schnell vergehen, während Stunden sich hinziehen können wie Kaugummi.

Samstag, 24. Oktober 2015- Willkommen in der Hölle

Geschlafen habe ich auch diese Nacht nicht viel, aber zu mindestens besser. Der Wecker klingelt um 06.30, um 07.30 wanke ich dann endlich aus dem Bett. Ich habe keine Lust auf den Tag, denn der RSA Kurs steht an. 7 Stunden klingen wie eine halbe Ewigkeit. Um Punkt 9 Uhr stehe ich mit meinen Freundinnen vor dem Eingang, doch warten darf man trotzdem nochmal 10 Minuten, obwohl uns geradezu eingehämmert wurde, keine Minute später als 9 Uhr dazu sein. Für mich ist 9 Uhr eine keineswegs akzeptable Uhrzeit, umso missmutiger wurde ich als ich begreife, noch nicht einmal meinen Café gehabt zu haben. Um halb 12 ist endlich die erste Pause in Sichtweite, mein Weg führt zu Café oder eher einem Original Iced Chocolate. Was exzessiver Schlafmangel und eine Überdosis Zucker bei mir auslöst, durfte ich hautnah erleben. Ich habe selten in meinem Leben so lange so lachen müssen wie ich es an diesem Tag tat. Gefühlt hatten wir ein Comedyprogramm um uns herum, meine Freundin Inga machte es mit ihren Grimassen da nicht besser. Und so verstrichen die 7 Stunden zwar langsam, aber mit Humor und 2 weiteren Getränken. 


Sonntag, 25. Oktober 2015 bis Dienstag, 27. Oktober 2015- Verzweiflung

Die nächsten Tage vergehen mit immer der gleichen Routine: Aufstehen, Jobsuche, Schlafen gehen. Es ist nervig und ermüdend. Die Motivation sinkt von Tag zu Tag und so wird es umso verlockender, seinen Tag mit einem Kaffee am Darling Habour zu verbringen. 
Einzig und Alleine der Sonntag bringt eine Überraschung. Nach 5 Jahren kappe ich eine Beziehung zu einem Menschen, der für mich all die Jahre ein Bestandteil des Lebens war. Zu meiner Überraschung ist da kein grausames Gefühl, es ist eine Sache die längst fällig gewesen wäre und zu der ich nun endlich den Mut hatte. Es fühlt sich gut an, befreiend und ich weiß, dass es dem Menschen nicht anders geht. Wir werden immer im Leben des Anderen sein, die Art und Weise hat sich nun nur geändert. Diese Entscheidung zu treffen und es durch zuziehen ist für mich der Beweis, dass ich mich hier in den wenigen Wochen schon angefangen habe zu verändern. Positiv, positiv für mich. Denn am Ende sollten wir in unserem Leben nicht unendlich viele Kompromisse machen müssen nur um dann feststellen zu müssen, dass diese nicht geschätzt werden. Ich habe endlich verstanden, dass ich manche Dinge letztendlich nur für mich tun muss. Wir alle haben Angst vor bestimmten Entscheidungen, doch gewappnet mit den Liebsten im Herzen, was kann uns passieren? Wenn wir fallen, fallen wir in dieses Sicherheitsnetz aus Familie und Freunden, es kann uns also nichts passieren, niemals.  

In Gedanken an meine Liebsten im fernen Deutschland, denen ich immer nah sein werde, egal wo ich bin. Ich liebe euch.

Becci, xxx


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